Die Ostschweiz verschafft sich Gehör!
Neu im Staatsarchiv – Das Archiv der SRG Ostschweiz (W 396)
Die feierliche Einweihung des bis heute im kollektiven Gedächtnis «nachklingenden» Landessenders Beromünster im Sommer 1931 stellt einen Meilenstein in der (Deutsch-)Schweizer Radiogeschichte dar. In der Ostschweiz freilich war die Inbetriebnahme des insgesamt zweiten (Radio-)Landessenders nicht nur ein Grund zum Feiern – war sie doch Teil eines Zentralisierungsprozesses, bei dem die Landesteile «östlich von Winterthur» abgehängt zu werden drohten.
Dabei war gerade die Stadt St.Gallen ein wichtiger Schauplatz in der «Pionierzeit» des Radios. So wurde auf dem Dach der Handelshochschule bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine der frühesten Empfangsanlagen für Radiotelegrafie in der Schweiz installiert. Um die eigentliche Popularisierung des neuen Mediums machte sich der HSG-Professor Arnold Rothenberger verdient – so wurde der von ihm 1923 gegründete «Radio-Club St.Gallen» mit über 800 Mitgliedern Anfang der 1930er- Jahre bald zu einem der führenden Radioclubs in der Schweiz. Darüber hinaus taten sich leidenschaftliche Tüftler mit dem einen oder anderen Patent hervor und das Toggenburg konnte gar eine «Radio-Apparate-Fabrik» sein Eigen nennen:
Im Jahr 1931 jedoch wurden die vormals autonomen Radiogesellschaften, die etwa in Bern, Zürich oder Basel bereits eigene Sender in Betrieb genommen hatten, unter dem Dach der Schweizerischen Radiogesellschaft SRG vereint, deren (geschlossener) Mitgliederkreis fortan die alleinige Erlaubnis zur Benützung der vom Bund bzw. der PTT betriebenen Sendeinfrastruktur erhielt (Konzession). Für die Deutschschweiz bedeutete dies, dass das über den Landessender Beromünster verbreitete Einheitsprogramm fortan von den Studios in Bern, Zürich und Basel gestaltet wurde – womit die gesamte Ostschweiz inklusive Deutschbünden in den Zuständigkeitsbereich des Studios in der Limmatstadt fiel.
Um zu verhindern, dass die Ostschweizer Anliegen in dieser Situation beim Bund und der SRG (und nicht zuletzt beim Radiopublikum) im wahrsten Sinne auf «taube Ohren» stiessen, war ein Jahr zuvor in St.Gallen die Ostschweizerische Radiogesellschaft ORG gegründet worden, in deren Rahmen sich Kantone und Gemeinden, aber auch Verkehrsvereine und Radioklubs für die Interessen der Ostschweizer Radiohörerinnen und Radiohörer einsetzten.
Das erste Etappenziel stellte folglich die Aufnahme in den eng definierten Kreis der SRG-Mitglieder dar. Der erste Jahresbericht der ORG (1931) kommentiert anschaulich die Hürden, welche dabei zu überwinden waren. So gab aus Sicht der SRG unter anderem das Fehlen eines Radiostudios in der Ostschweiz Anlass zur Vorsicht, da befürchtet wurde, «es könnte die Aufnahme einer lokalen Gesellschaft ohne eigenes Studio in die S.R.G. auch andere Gebiete veranlassen, ein gleiches Anliegen zu stellen und das müsste, wenn allen entsprochen würde, den eidgenössischen Apparat viel zu schwerfällig machen.»
Auch wenn man in der Ostschweiz dieses Argument zumindest teilweise nachvollziehen konnte, verwies man doch darauf, dass die ORG immerhin die Anliegen von insgesamt sechs Kantonen vertrete, weshalb eine Ausnahme durchaus angebracht sei. Den letztlich positiven Bescheid von Bund und SRG kommentierte der erste ORG-Jahresbericht folgendermassen: «Wir anerkennen dankbar, dass man uns im Bund der übrigen Eidgenossen mitraten und mitarbeiten lässt und dass man die Ostschweiz nicht zum fernen Osten gerechnet hat.»
In den bald 100 Jahren ihres Bestehens hat die ORG (heute: SRG Ostschweiz) einige Erfolge verbuchen können – darunter vor allem die Einrichtung eines Radiostudios in der Stadt St.Gallen, dessen bescheidene Anfänge in den 1960er Jahren immerhin noch im heimischen Wohnzimmer des damaligen «Programmbetreuers» und für Jahrzehnte prägenden Radiomachers Fredy Weber (1925-1996) lagen. Trotz beschränkter Mittel berichtete der frischgebackene Programmchef aber bereits in der «Frühzeit» nicht nur aus der Gallusstadt, sondern etwa auch vom Kantonalen Gesangsfest 1962 in Altstätten.
Anderes hat sich im Laufe der Zeit verändert – so ging die Etablierung zunächst wöchentlicher, dann täglicher Lokalsendungen mit einer stärkeren Regionalisierung und Professionalisierung der Programmarbeit einher. In früheren Zeiten hatte die Programmkommission der ORG noch häufig selbst Hand angelegt, wenn es darum ging, die «Programmquellen» in der Ostschweiz zu erschliessen.
In den 1970ern jedoch begann sich der Fokus der «altehrwürdigen» Radio- (und mittlerweile auch Fernseh-)Gesellschaften zunehmend von der lokalen Programm- auf die Öffentlichkeitsarbeit im Dienste der SRG zu verschieben, wodurch sich auch die ORG von einem von Kollektivmitgliedern geprägten Interessenverband zu einer dem breiten Publikum offenstehenden Mitgliedgesellschaft entwickelte.
Diese und weitere die Medienlandschaft bis heute prägenden Entwicklungen lassen sich nun anhand des neu erschlossenen Archivs der ORG/SRG Ostschweiz im Staatsarchiv St.Gallen nachvollziehen. Ein Stück Ostschweizer Mediengeschichte harrt der Entdeckung!
Juni 2026